Wriezen wolfsfrei: Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Die Gefahr, sich mit einem Beitrag zum Wolf eine „blutige Nase“ zu holen, ist größer, als vom Wolf gebissen zu werden. Vermute ich zumindest. Insofern ist es logisch, dass ich, wann immer ich sage, ich wolle mich kommunalpolitisch engagieren, gefragt werde: „Und, wie stehst Du zum Wolf? Drei Versuche differenzierter Antworten:

Erster Antwortversuch (der romantisch-naive):
Wie bei den meisten Menschen, die in einer Welt groß geworden sind, in der Wölfe nur noch den Bösewicht im Märchen geben durften, hege ich romantische Gefühle für den Wolf. Lebendig zu sehen waren Wölfe für uns nur in Zoos, dort oft nur Schatten ihrer selbst. Und obwohl oft lethargisch und abgestumpft, war da immer dieses Archaische, Wilde spürbar, das uns (ich glaube: fast jeden von uns) magisch anzieht.

In freier Wildbahn bin ich einem Wolf wohl nur einmal begegnet, im Winter 1994/95. Irgendwo in der Uckermark in Odernähe trottete er nachts über die Landstraße, als ich von einer Gemeindevertretersitzung oder einer Amtsausschuss-Sitzung von Gartz nach Angermünde zurückfuhr. Ich hielt mein Auto an, er blieb einen Moment stehen, blickte ins Licht und ging dann ruhig weiter. Damals vermutete man nur, dass Wölfe langsam wieder ihren Weg über die Oder nach Brandenburg suchten und sich ansiedelten. Sichtungen gab es kaum, insofern kann ich meinen inneren Zweifel bis heute auch nicht ganz ausräumen. Ich habe kaum jemandem davon erzählt, die wenigen, denen ich es sagte, meinten „Na, da haste wohl n Wolf mit nem Schäferhund verwechselt.“ Wie immer, bei Tieren, deren Existenz man sich nicht sicher ist, bleibt vieles im Verborgenen. Und es ist auch das Geheimnisvolle, das uns lockt.

Aus dieser Perspektive verstehe ich jeden Landwirt und jeden Schäfer, der Menschen wie mir Naivität im Umgang mit einem Raubtier vorwirft. Aber ich finde des gut, dass der Wolf in unser Land zurückgekehrt ist, in dem er wohl 1911 endgültig ausgerottet worden war. Er gehört hier her, wie jedes andere große oder kleine Raubtier auch, das hier schon immer gelebt hat, wie der Luchs und der Fuchs und der Habicht und der Seeadler und die Eule. Und wir werden lernen, mit ihm zu leben.

Zweiter Antwortversuch (der sachorientierte):
Um es vorwegzunehmen: ich bin absolut der Meinung, dass der Wolf lernen muss, dem Menschen samt seinen Herden und vor allem seinen Kindern nicht zu nahe zu kommen. Wie er das lernen kann, ist eine Frage, über die streiten sich die „Gelehrten“. Und ganz ehrlich: so richtig glaube ich den gelehrten Gegnern des Wolfes nicht und so richtig glaube ich auch den gelehrten Befürworten des Wolfes nicht alles:

Die einen halten Erschießen für die einzig gangbare Lösung („wenn Du genügend Wölfe erschießt, begreifen die anderen Wölfe, dass sie besser nicht in Deine Nähe kommen“). Die anderen glauben, dass bunte Flatterbänder den Wolf vertreiben. Echt jetzt? Ich denke, der Wolf ist schlau genug, um recht schnell zu begreifen, dass Flatterbänder ihm nicht weh tun.

Irgendwo zwischen Wolfskuscheln und Wolfschießen muss also die Wahrheit liegen. Zunächst denke ich, ist die Büroratie um den Wolfsriss ein größerer Feind des Schäfers und Landwirtes, als der Wolf selbst. Aus meiner Sicht (und das ist übrigens auch die Sicht der Grünen, siehe https://www.gruene-bundestag.de/biologische-vielfalt/faq-zum-wolf.html) müssen Schäfer und Landwirte sehr viel schneller und unbürokratischer entschädigt werden, wenn Tiere angegriffen und getötet werden. Auch muss die Höhe der Entschädigung dem tatsächlichen Schaden angepasst werden. Und ja, ich finde, dass eine Gesellschaft, die die Natur schützen will, die Kosten für diesen Naturschutz tragen kann.

Gleichzeitig müssen Präventionsmaßnahmen sehr viel besser gefördert (und im übrigen auch auf ihre Wirksamkeit hin untersucht) werden. Da Wölfe schlau und lernfähig sind, lassen sie sich wahrscheinlich schon von Stromschlägen und Gummigeschossen erziehen, auch wenn Befürworter des Abschießens naturgemäß verneinen, dass Gummigeschosse etwas bringen. Tatsache ist, dass konsequent eingesetzte Herdenschutzmaßnamen sehr wohl zu einem Rückgang der Risse geführt haben, in allen (europäischen) Ländern. Auch in Deutschland bestätigen Schäfer, dass der Einsatz der richtigen Hunde und anderer Maßnahmen dazu geführt haben, dass ihre Herde „in Ruhe gelassen wird“. Es gibt auch Viehzüchter, die sagen: „Ich habe lieber ein Rudel in meiner Nähe, das mich und meine Herde kennt uind weiß, dass ich mich wehre, als ein neues, unbekanntes Rudel, das sofort die Lücke füllt, die ein Abschuss öffnet.

Wer diese Fakten abstreitet, sucht keine Lösungen mehr, sondern will auf einer populistischen Welle reiten.

Dritter Antwortversuch (der aktuell-politische):
Wriezen soll wolfsfreie Zone werden, so sieht es ein Antrag der BWBO (Bürger für Wriezen und Barnim-Oderbruch) vor, der am 8. Januar im GOSULT-Ausschuss diskutiert wurde. Da sich Bad Freienwalde und andere Städte ebenfalls schon zu wolfsfreien Zonen erklärt haben, wird Wriezen in der SVV wohl nachziehen. Die Abstimmung im GOSULT-Ausschuss lässt das zumindest erwarten, hier wurde dem Antrag mit 5 zu 1 zugestimmt.

Der Antrag basiert auf einem Formular, das auf der Website „Wolfs freie Zone“ (sic) heruntergeladen werden kann. Diese Seite, die vom Bauernbund Brandenburg betrieben wird, hat ein eindeutig formuliertes Ziel: Der Wolf muss überall da vernichtet werden, wo er nicht mehr in „echter Wildnis“ leben kann. Ganz unverholen wird das Ziel abgesteckt: Wenn es in Brandenburg keine echte Wildnis mehr gibt, darf es halt auch keine Wölfe mehr geben.

Was sagt denn eigentlich der Jagdverband zum Wolf? Der positioniert sich jedenfalls lange nicht so eindeutig. Zwar wollen deutscher wie brandenburgischer Jagdverband den Wolf ebenfalls ins Jagdrecht aufnehmen, allerdings ist die Akzeptanz des Wolfes deutlich formuliert. Ein Zitat, zu finden unter https://www.jagdverband.de/content/deutscher-jagdverband-positioniert-sich-zum-wolf: „Die Ausbreitung des Wolfes in Deutschland verläuft derzeit nicht ohne Konflikte. Diese Entwicklung wird sich weiter verschärfen.

Der DJV plädiert daher für eine realistischere Öffentlichkeitsarbeit, die eine Akzeptanz des Wolfes langfristig erhalten kann. Das heißt, die Bevölkerung muss sachliche Informationen und unbürokratische Hilfestellungen zum Umgang mit dem Wolf erhalten. Dies ist umso wichtiger, da vermehrt Wölfe mit geringer Scheu auftreten. Wer es mit dem Wolf ernst meint, muss bei Auftreten von wirklichen Problemen auch konsequent handeln und informieren! Ansonsten wird die Akzeptanz für den Wolf in der Bevölkerung unnötig aufs Spiel gesetzt. Insgesamt darf der Wolf weder verharmlost, noch verteufelt werden. Der DJV verurteilt das illegale Töten großer Beutegreifer.“

Aber zurück zum Bauernverband und dem Antrag der BWBO. Die Forderung nach einer wolfsfreien Zone und nach der Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht ist weder juristisch noch praktisch durchzusetzen, das weiß sicher auch der Bauernbund. Juristisch nicht, weil sie dem EU-Recht, der Berner Konvention und deutschem Recht widerspricht. Praktisch nicht, weil ein Wolf pro Tag bis zu 70 Kilometer zurücklegt und ihm egal ist, ob eine Zone „wolfsfrei“ ist. Oder wie eine Abgeordnete in der Wriezener Ausschuss-Sitzung fragte: „Wie wollen Sie denn die Wolfsfreiheit durchsetzen? Schilder aufstellen, die dem Wolf den Zutritt verbieten?“ Praktikabel ist die Forderung nach wolfsfreien Zonen jedenfalls nicht. Es sei denn, man rottet den Wolf wieder komplett aus (in Brandenburg, in Sachsen, in ganz Deutschland?).

Genau an diesem Punkt der Fragen drehen wir uns aber im Kreis, die Wolfsgegner und die Befürworter. „Was spricht dagegen, den Wolf wieder auszurotten?“, fragen die einen. Wir hätten doch auch ganz gut ohne ihn gelebt. „Warum müssen wir jedes Tier ausrotten, das sich nicht unseren wirschaftlichen Vorstellungen unterwirft?“ ist die Gegenfrage.

Ich denke, ein Problem in der Diskussion ist, dass vor allem die Wolfgegner sich über alle Argumente, Zahlen und Fakten hinwegsetzen und sie als „erfunden“ und „erlogen“ bezeichnen. So erlebe ich es in den (fast täglichen) Diskussionen. Die offiziellen Wolfszählungen? Sind erlogen. Die Anzahl der Risse? Werden nie ehrlich angegeben. Der Wolf eine bedrohte Tierart? Ach was, von dem gibt es schon tausende, das wird nur nicht offiziell gesagt. Risse durch wilde/streunende Hunde? Gibt es gar nicht. Dabei hat selbst der ehemalige Wriezener Revierförster
Conrad Philips zugegeben, dass es schon lange vor der Rückkehr des Wolfes immer wieder Schafsrisse durch streunende Hunde gab und dass man das nie ausschließen könne).

Müsste ich über den Antrag zur wolfsfreien Zone mit abstimmen, ich würde dagegen stimmen. Aber (hier wiederhole ich mich) ich würde mich gern dafür stark machen, Prävention und Entschädigung von Bürokratie zu befreien und umfangreicher zu gestalten.

Zu guter Letzt ein paar Links zu interessanten Texten, über die ich während meiner Recherchen gestolpert bin:

Aus „Die Zeit“ vom 16. April 2015 (also schon älter) stammt dieser wunderbare Text, der sicherlich den Wolfsgegnern das eine oder andere Argument liefert (und mich manches differenzierter sehen lässt): https://www.zeit.de/2015/14/tiere-woelfe-bedrohung

„Der Spiegel“ vom 7. März 2018 schreibt über die Jagd auf den Wolf in Schweden und Norwegen. Norwegen macht das, was das Herz von manchem Landwirt und Jäger in Brandenburg wohl höher schlagen lässt: http://www.spiegel.de/spiegel/norwegen-schweden-warum-skandinavische-laender-die-jagd-auf-woelfe-erlauben-a-1196492.html

„RBB24“ berichtet am 29. Juni 2018 über den Angriff eines Wolfes auf zwei Kinder in Polen. Wer zum Teufel, versucht Wölfe in Käfigen zu halten? https://www.rbb24.de/studiocottbus/panorama/2018/06/wolf-angriff-auf-kinder-polen.html

Und zu guter Letzt ein Bericht in „Geo“ vom 19. November 2018. Der Wolf ist so ein schönes Feindbild, wer redet da schon gern über Krähen? https://www.geo.de/natur/tierwelt/19945-rtkl-tausende-tote-laemmer-raben-fuer-mehr-tote-schafe-verantwortlich-als

Ein Kommentar bei „Wriezen wolfsfrei: Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“

  1. Ich glaueb als erstes muss der Mensch wieder lernen, dass der Wolf wieder da ist. Das beginnt damit, dass ich mein Eigentum wie eine Herde Tiere anders schützen muss als vor Jahren noch.

    Jeder der Kleintiere wie Hühner, Enten oder Hasen hat, muss diese auch vorm Fuchs schützen. Die bekommen dann nicht vom Start hilfen wenn ein Fuchs sich ein Huhn geholt hat.

    Esrt wenn der Mensch an seine Grenzen des machbaren gekommen ist, sollte man an andere Lösungen denken wie die Jagd.

    Ich glaube bevor Wriezen sich mit dem Wolf beschäftigt als Gefahr, sollten sie sich lieber um den Bieber kümmern! Da sehe ich für Wriezen und das Oderbruch viel mehr Gefahr ausgehen.

    Mhhhhh….. Oder man kann den Wolf vieleicht auf Bieberfleisch umschulen 🙂

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