Über kulturelle Vielfalt und Diversity

Bereits in einem Kommentar vom 22.12.18 habe ich versucht deutlich zu machen, dass unsere Geschichte schon immer von Migration und Zuwanderung bestimmt ist. Folgend will ich etwas zur der daraus entstehenden Vielfalt der Kulturen nachdenken und mich deutlich von dem Kulturbegriff der „deutschen Leitkultur“ abgrenzen. Denn dieser Kulturbegriff ist weder aus historischer und wissenschaftlicher, noch aus soziologischer Sicht haltbar, geschweige zielführend für eine inklusive Gesellschaft.

Fast alle Definitionen von „Kultur“ zeigen einen Grundkonsens: Kultur bedeutet eine gemeinsame Welt von Bedeutungen, Erfahrungen, Werten, Symbolen, Wissen und Praktiken, die eine bestimmte Gruppe von Menschen kennzeichnet.

Diese Zuschreibungen werden im Laufe der Zeit prozesshaft entwickelt, immer wieder neu diskutiert und in einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess festgelegt. Da dies nie ein abgeschlossener Prozess sein kann – die Menschen entwickeln sich ja weiter –, gibt es nicht „die Kultur“, somit auch nicht „die deutsche Kultur“.

Exkurs: Ich glaube nicht, dass sich ein Allgäuer Bergbauer[SB1]  und ein ostfriesischer Fischer, die sich ja beide im deutschsprachigen Kulturraum befinden, auf eine konkrete, gemeinsame deutsche Kultur einigen könnten. Selbst bei den Dialekten, die mitnichten nur auf germanische Dialekte zurückzuführen sind, gäbe es gravierende Kommunikationsprobleme.

Aber dafür hätten sie auch wieder einige Gemeinsamkeiten. Beide haben mit der zunehmenden Industrialisierung der Tierhaltung ihre Probleme und mit den Folgen zu leben. Und gerade dieses Problem ist eine ihrer Gemeinsamkeiten mit zahlreichen Bauern und Fischern aus Afrika. Die Werte und die Haltung zur Natur und deren Umgang, das Wissen und die notwendigen Praktiken im Umgang mit Tieren und gesunden Nahrungsmitteln, bringt sie in ein Kollektiv von Menschen, die gleichzeitig wieder andere kulturelle Hintergründe haben. Kultur kann also nicht nur auf Sprache und Ethnizität beschränkt werden.

Dieses Beispiel zeigt uns deutlich, dass eben der Kulturbegriff nicht nur mit nationalen Gesellschaften und ethnischen Gruppen in Zusammenhang gebracht werden kann. Denn dabei werden andere Kollektive, denen wir Menschen immer gleichzeitig zugehören, wie Familie, Geschlecht, Altersgruppe, Berufsgruppe, Sozialschicht und Religionsgemeinschaft übersehen. Dies wiederum bedeutet, wir entwickeln aufgrund dieser Vielfalt an Teilsystemen (jedes System hat ihre eigene Kultur) unsere jeweils eigene, individuelle Identität.

Diese Vielfalt und die entstehenden Synergieeffekte für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung gilt es zu nutzen. Daher darf es in der Kultur keine Grenzen geben, die im Namen einer angeblichen „kulturellen Identität“ darüber bestimmen, wer dazugehört und wer nicht. Um beispielsweise die Gleichberechtigung der Geschlechter oder Toleranz gegenüber Minderheiten herzuleiten, braucht es keine Bezugnahme auf „Kultur“. Ein Blick ins Grundgesetz und in die Menschenrechtscharta reicht völlig aus.

Daher dürfen nicht Abgrenzungen in den Mittelpunkt der politischen Diskussion gerückt werden, sondern Transparenz, Dialog, Teilhabechancen und Zugang zu allen Teilbereichen gesellschaftlicher Systeme.

Denn auch die sogenannten Mehrheitsgesellschaften werden sich immer wieder durch Migrationsbewegungen verändern, wie es gerade die Einwanderungsgeschichte der deutschen Geschichte exemplarisch zeigt.

Deutschland ist ein Einwanderungsland und hat in seiner Geschichte immer wieder von Einwanderung profitiert und Integration in der Realität gelebt: allein seit 1945 durch 14 Millionen Heimatvertriebene, durch drei Millionen Deutschstämmige aus Osteuropa, durch drei Millionen sogenannte Gastarbeiter und durch Einwanderung russischer Juden oder Verfolgter des kommunistischen Regimes. Aktuell leben bereits 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.

In Stuttgart, einer der reichsten Städte Deutschlands (Bosch, Mercedes), haben über 50% der unter 25 Jährigen einen Migrationshintergrund. Auch und gerade diesen Menschen bestimmten und bestimmen die Gemeinsamkeiten und die Vielfalt kultureller Eigenheiten in unserem Land.

Diese Menschen haben unser Land bunter und weltoffener gemacht und unsere Kultur mitgeprägt – ebenso wie der Austausch von kulturellen Gütern, Waren, Daten und Informationen in einer globalisierten Welt. Eine moderne Einwanderungsgesellschaft lebt von pluralen Identitäten und Lebensentwürfen. Unsere Kultur – im Sinne von Sprache, Sitten, Gebräuchen, Werten – befindet sich in permanenter Veränderung. Wie kann man da ernsthaft eine nationale Kulturdoktrin, also eine „deutsche Leitkultur“ einfordern?

Da ich gerade bei ernsthaften Themen, Ironie und Humor als wichtige Zugangselemente betrachte und auch gerne nutze, möchte ich mit einem Beispiel aus der interkulturellen Gesprächsführung abschließen:

Der Niederländer Jan und der Türke Nizam kennen sich seit Jahren, haben dieselbe Ausbildung und denselben Beruf – beide sind Notare – und sind gute Freunde geworden. Die Freundschaft geht so weit, dass sie beschließen, zwei Häuser bauen zu lassen und nebeneinander zu wohnen. Sie lassen sich zwei völlig gleiche Häuser bauen.

Nach ihrem Umzug sitzen sie eines Nachmittags gemütlich im Garten, um miteinander ein Bierchen zu trinken. Jan seufzt genießerisch, dass sie doch ein wunderschönes Haus gebaut hätten. Nizam bemerkt dazu, sein Haus sei aber doch mehr wert als das des Nachbarn. Jan ist verblüfft: „Wie das, wir hatten dieselbe Baufirma, haben dasselbe Material verwendet, die Maße der Häuser und Gärten sind gleich. Sag einmal: Warum soll dein Haus mehr wert sein als meines?“ „Nun“, sagt Nizam, „du wohnst neben einem Ausländer, aber ich neben einem Notar.“

(Hoffman, Edwin 2015: Interkulturelle Gesprächsführung. Seite 248)

Schreibe einen Kommentar