Im Feindesland: Warum ich eine AfD-Veranstaltung besucht habe (Teil 2)

Im zweiten Teil meines Berichts über den „Bericht aus dem Bundestag“ zweier AfD-Abgeordneter will ich auch der Frage nachgehen, warum man über diese Partei lachen könnte, wenn sie nicht gleichzeitig so gefährlich wäre. Warum dieser Text „Im Feindesland“ heißt, erklärt sich dann von selbst.

Der zu spät gekommene Steffen Kotré ist ein ganz anderes Kaliber als Roman Reusch. Jung, dynamisch und rhetorisch begabt, übernimmt er den Part des selbstbewussten Patrioten, der die AfD auf dem besten Wege sieht. Kotré jammert nicht, stattdessen gibt er zunächst eine scheinbar sachliche Zustandsbeschreibung: man habe natürlich ein Abbild der gesamten Partei in der Bundestagsfraktion, nicht alle Landesverbände seien so geschlossen, wie der brandenburgische. Andere würden sich schon zerlegen. Aber „wir wissen: nach uns kommt nichts mehr. Wir wissen ganz genau, wir haben einen Auftrag. Und das ist der Auftrag, die AfD-Politik an vorderster Front zu vertreten.“ Dem sei alles hinten anzustellen und „wir demonstrieren Einigkeit.“

Immer wieder fällt der Begriff der „hohen Aufgabe“, die die AfD habe und als einzige noch zu erfüllen bereit sei. Linke und Grüne würden gar keinen Staat führen wollen, sie trügen „nur ihre Moralität vor sich her“. Überhaupt, das wird später am Abend noch gesagt: die größten Feinde der AfD seien die Grünen.

Was die Aufgabe der AfD sei, wird dann den Rest des Abends ausführlich erklärt und deckt sich mit dem, was man aus den Medien hinreichend kennt: der Schutz der Heimat vor den Migrantenhorden, dem Terror, der fortschreitenden Islamisierung. Das Aufhalten des Niederganges der deutschen Wirtschaft und der deutschen Kultur.

Folgt man der Argumentation der beiden Bundestagsabgeordneten, so befindet sich das deutsche Volk in Auflösung. Zwei Beispiele:

Reusch: „Das deutsche Volk will man am liebsten weg haben.“ Dazu gehöre, dass man jeden wählen lassen wolle, auch den „im Park, dritte Bank links, auch den schwerst alkoholkranken Polen, der unter der Brücke wohnt.“

Kotré: „Wir hatten bis jetzt eine Ordnung. Aber die bröckelt, das wissen wir alle, wir sehen, dass die Islamisierung in unserem Land voranschreitet und das bringt Instabilität und dagegen müssen wir vorgehen.“ Mittlerweile zeichne sich ab, dass die Scharia unser Rechtssystem ersetzen würde, wenn die AfD dem nicht Einhalt gebiete, oder so in der Art.

Ich bin ja auch zu dieser Veranstaltung gegangen, weil ich wissen wollte, ob die gesamte „Lügenpresse“ denn tatsächlich ein völlig verzerrtes Bild von der AfD zeichnet. Und ich muss nach diesem Abend feststellen: Nein, die Presse zeichnet genau das Bild, das die AfD abgibt: ihre Mitglieder schüren Ängste, weil sie kein konstruktives Programm haben. Sie verschleiern ihre neoliberalen Ziele hinter sozialem Patriotismus (Deutschland zuerst!). Sie verdrehen die Wahrheit so lange, bis der ganze Saal in einer Mischung aus Empörung (über die anderen Parteien) und Hingabe (an die AfD) eifrig mit den Köpfen nickt.

Da wird zum Beispiel behauptet, dass die Jusos einen Antrag eingebracht hätten, der Abtreibung bis zum neunten Schwangerschaftsmonat legalisieren will. Diese Behauptung wird hingebungsvoll ausgewalzt, dabei hält sie einer Überprüfung nicht statt, denn die Bundestagsabgeordneten erzählen ja nur die halbe Wahrheit: Die Jusos wollen tatsächlich die Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch als Straftatbestand streichen, betonen aber, dass Fristen, bis wann tatsächlich abgetrieben werden darf, in anderen Gesetzen näher zu bestimmen wäre. Und da wird dann von der 22-Wochen-Frist gesprochen, die in anderen Ländern ebenfalls gesetzt ist. Durch das Weglassen der zweiten Hälfte der Wahrheit kann man den Saal zum Kochen bringen und sich selbst als Retter des ungeborenen Kindes gerieren.

Zweieinhalb Stunden vergehen einschließlich der Fragestunde, bestimmte Bilder werden mantraartig beschworen. Unter anderem, dass die Deutschen drohen auszusterben und von den Migranten verdrängt werden. Reusch rechnet vor: Deutsche hätten nur 1,2 Kinder pro Paar, würden nur drei, maximal vier Generationen pro Jahrhundert schaffen, die Migranten hätten aber vier, fünf, sechs Kinder und würden fünf Generationen pro Jahrhundert produzieren. Und der Islamismus, der überall droht.

Klimawandel gibt es nicht. Kohlekraftwerke sind so sauber und Atomkraftwerke so sicher, dass es wirtschaftlicher Selbstmord ist, auf erneuerbare Energien zu setzen. Wenn die AfD an die Macht käme, würden Laufzeiten für Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke verlängert und die erneuerbaren Energien radikal zurückgenommen, den Quatsch brauchte ja kein Mensch. Kohlestrom kostet nur 3 Cent. Echt jetzt?

Das Erschreckende für mich ist: ich weiß nicht, ob die Abgeordneten das alles selbst glauben, was sie sagen, oder ob sie die Zuhörer bewusst belügen. Und was von beidem ist schlimmer? Ich tendiere dazu zu glauben, dass sie das Publikum bewusst belügen, weil sie ihre Eigeninteressen verbergen wollen. Aber warum merken das so wenige von den Zuhörern? Wenigstens ein Mann steht nach eineinhalb Stunden auf und geht mit den Worten „ich muss mir diesen Quatsch nicht länger antun.“

Auf Renten angesprochen, druckst Kotré ein bisschen rum, da habe die AfD noch kein wirkliches Konzept – er sagt nicht, dass im Parteiprogramm ganz neoliberal die Abschaffung der gesetzlichen Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung gefordert wird.

Interessant wird der Abend eigentlich an einem Punkt ziemlich zum Ende: als ein Mann fragt, ob es die Chance gebe, dass dieses System einmal abgeschafft würde. Da eiern beide, Reusch und Kotré, nein, dieses System werde man nicht abschaffen können, ein bisschen schwammig wird da von Marktwirtschaft gesprochen, und dass diese sozialer werden müsste. Eine Antwort gibt es aber wenige Minuten später doch, als Kotré erklärt, dass die AfD nur in die Regierung ginge, wenn man die stärkste Kraft in einer Koalition sei, die auch nur mit Parteien zustande kommen könne, die sich unterordnen. Und dann werde Deutschland von Grund auf umgebaut.

Auf dem Weg nach Hause sage ich zu meinem Begleiter, dass man über diese Typen eigentlich lachen müsste, wenn einem nicht gleichzeitig das Lachen im Halse stecken bleiben müsste. Sie reden von Patriotismus und deutscher Heimat, sie erklären die Grünen zu ihren größten Feinden, sie sagen, sie würden den Staat von Grund auf umbauen. Nein, sie sind keine Demokraten, sie wollen einen totalitären Staat. Eigentlich will ich sie gar nicht ernst nehmen. Gefährlich sind sie dennoch, oder gerade deswegen.

4 Kommentare bei „Im Feindesland: Warum ich eine AfD-Veranstaltung besucht habe (Teil 2)“

  1. Dafür das die um Feindesland waren haben sie aber fleißig mit geklatscht .
    Und wen die eigenen Bürger Feinde sind haben sie wollen was falsch gemacht oder?

    1. Matthias Koeffler sagt: Antworten

      Was ist das denn für ein Geschwurbel? Gehen Sie mal Gedanken sortieren…

  2. finde ich gut, dass man die Partei entlarvt, man sollte den Nachläufern dieser Partei das Programm der AfD näher erläutern, denn das kennen sicher die meisten nicht.

  3. Josef Reitemann sagt: Antworten

    Ich wohne seit 15 Jahren in Wriezen und bin seitdem beruflich, wie auch gesellschaftspolitisch in dieser Region tätig. Ich bin schockiert und immer noch fast sprachlos, dass sich gerade hier in dieser Region fremdenfeindliche Haltungen etablieren können. Denn keine andere Region in Europa ist so geprägt von Migration und Zuwanderung, wie die Ostdeutschen Gebiete, im Speziellen das Oderbruch und beide Seiten der Oder. Neben den gewaltigen indogermanischen Völkerwanderungen im ersten Jahrtausend vor Christi Geburt, dann im 5. – 7. Jahrhundert die Einwanderung slawischer Volksgruppen, im 18. Jahrhundert die Oderbruch-Besiedelung mit ca 1500 Familien, die Aufnahme polnischer und schlesischer Kriegsflüchtlingen nach dem zweiten Weltkrieg, und jetzt in der letzten Migrationsbewegung, die MOL ohne größere Probleme meisterhaft bewältigt hat.

    Gerade für die Besiedelung des Oderbruchs wurden ganz bewusst Neusiedler aus dem Gebiet außerhalb Preußens angeworben, die u. a. auf Böhmen, Schwaben, Franken, Mecklenburg, dem Vogtland, der Pfalz und Württemberg, aber auch aus Polen, Österreich, der Schweiz und anderen europäischen Ländern kamen. Diese Vielfalt an Religionen, Handwerkskunst und landwirtschaftlichem Wissen machten das Oderbruch zur Kornkammer Berlins. Hier zeigt der Spruch „Vielfalt bedeutet Fortschritt“ wieder seine Wahrheit.

    Auch wenn wir über unseren Tellerrand hinaus schauen, finden wir Beispiele, wie wichtig Zuwanderung und Migration ist. Vielfalt hatte immer Fortschritt und Weiterentwicklung zur Folge. Was wäre Bayern und Baden Württemberg heute ohne die Massen an türkischen und italienischen Arbeitskräften, oder wie hätte der Ruhrpott ohne die polnischen Zuwanderer seine Wirtschaftskraft entwickeln können?
    Ich denke auch, dass wir diesen aktuellen Entwicklungen mit Aufklärung und kommunalpolitischen Aktivitäten etwas entgegensetzen müssen und können. Mit einer demokratischen und den Menschenrechten verpflichtenden Grundhaltung werden wir dafür sorgen, dass das Oderbruch weiterhin eine Region bleibt, die für kulturelle Vielfalt, Toleranz und Demokratie steht und als Leuchtturm über die Grenzen hinaus strahlt.

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