Im Feindesland: Warum ich eine AfD-Veranstaltung besucht habe (Teil 1)

Gestern Abend bin ich sehr weit, wirklich sehr weit aus meiner Komfortzone herausgetreten. Ich bin der massenhaft verbreiteten Einladung der AfD gefolgt, mir einen „Bericht aus dem Bundestag“ der beiden Bundestagsabgeordneten Roman Reusch und Steffen Kotré anzuhören. Mit Betreten des „Ferkels“ (für alle, die es nicht wissen, die Gaststätte heißt wirklich so), betrat ich also Feindesland.

Wer glaubt, dass hunderte Menschen zu den Massenveranstaltungen der AfD pilgern, zumal in einer Kleinstadt, in der diese sogenannte Alternative für Deutschland rund 25 Prozent bei der letzten Bundestagswahl erhalten hat, dürfte – je nach Standpunkt – positiv überrascht oder bitter enttäuscht gewesen sein. Rund 30 Menschen ohne die beiden Bundestagsabgeordneten und ihrem Koordinator versammelten sich im Ferkel, davon können getrost fünf als interessierte Gegner der AfD gelten. Ich will das nicht schönreden, die meisten Sympathisanten der AfD wollten bei dem nasskalten Wetter sicherlich einfach nur Zuhause bleiben.

Nach einem launigen „Da hinten gibt’s Bier, Wasser, Kaffee, alles was das Herz begehrt, alles für einen Euro“ begann zunächst der langjährige Staatsanwalt Roman Reusch mit seinem Bericht, Steffen Kotré war zu der Zeit noch unterwegs. Reusch galt als Hardliner, der schon als Leitender Oberstaatsanwalt in Berlin mit rassistischen und fremdenfeindlichen Aussagen auffiel.

https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Reusch

Seine Rede zeugt jedoch weniger von harter Linie als vielmehr von butterweicher, hm, nennen wir es mal ruhig: Jämmerlichkeit. Eine halbe Stunde referiert er, durchaus launisch und pointiert, wie unglaublich schlecht es seiner Fraktion im Bundestag geht. Alle sind gegen sie, niemals bekommen sie Zustimmung. Von seinem Platz auf der (vom Bundestagspräsidenten aus gesehen) rechten Seite muss er in hassverzerrt Fratzen blicken, die höhnisch johlen und lachen, wenn wieder mal ein Antrag der AfD abgelehnt wurde.

„Abgelehnt“ ist denn auch der Titel einer Broschüre über das erste Jahr Parlamentsarbeit, sie beinhaltet alle Anträge, die die AfD gestellt hat (dick ist die Broschüre nicht), sie wurden – er fragt noch einmal sich vergewissernd nach – ja, sie wurden alle abgelehnt. Dabei seien „durchaus gute Anträge“ dabei gewesen, so wird versichert, Anträge, die wenige Tage nach ihrer Ablehnung von anderen Fraktionen fast wortgleich wieder eingebracht worden seien und dann – natürlich! – angenommen wurden. Die armen AfDler. „Sie können sich vorstellen, dass man, wenn man den ganzen Tag höhnisch ausgelacht wird und in hassverzerrte Gesichter blicken muss, dass man dann als Fraktion zusammensteht, dass man genau weiß, wo der Feind ist und wo die Freunde sind.“

Mein Eindruck ist, dass Roman Reusch, der ja im Westen sozialisiert und aufgewachsen ist, der in der westdeutschen Bundeswehr Leutnant und später Staatsanwalt wurde, sich in künstlichem Selbstmitleid suhlt, weil er genau weiß, dass er so das mitleidige und ungläubige Kopfschütteln der ostdeutschen Landbevölkerung bekommt, die sich hier versammelt hat: „So böse sind die anderen im Bundestag zu Ihnen!? Also, nein, das ist ja wirklich gemein!“ Auf eine ganz gekonnte Art biedert sich der Biedermann damit bei den Versammelten an, die sich ja ebenfalls oft bemitleiden. Und wenn Reusch dann über „Angie“ (sic) herzieht, die ja mit gnadenloser Terrorherrschaft alles Freiheitliche zerstört, dann ist das Leid der armen AfD-Fraktion und das Leid der abgehängten Bevölkerung ein gemeinsames Leid, aus dem sich ein gemeinsames Ziel ableiten lässt: Angie muss weg, bevor sie das Land endgültig in den Abgrund führt.

Also, die Angie, die alte Diktatorin, auch das kann Reusch eloquent ausführen, die Angie hat alle in der Hand. Hinter verschlossenen Türen nämlich stimmen angeblich viele Bundestagsabgeordnete, vor allem der CDU, aber auch der FDP und der SPD, den AfD-Leuten gern zu: „Ihr habt ja Recht und wir müssten dringend —“, aber wenn es dann an eine Abstimmung geht, dann kuschen sie alle wieder vor Angie. Der Herr Staatsanwalt hat schon erlebt, dass junge Menschen, die der Angie einmal wiedersprechen, nie wieder gesehen wurden im Bundestag, die waren nächsten Tag weg.

Jetzt, wo ich hier sitze und das niederschreibe, kommt es mir so unwirklich vor, als würde ich von einem seltsamen Film erzählen. Leider ist es wirklich so gewesen. „Die haben die jungen Abgeordneten nämlich in der Hand. Sehen Sie, die haben ja alle einen Beruf, und wenn sie dann in den Bundestag kommen, dann können sie den ja nicht mehr ausüben. Aber die müssen ja so viele Kosten tragen – und wenn sie sich dann der Angie in den Weg stellen, na, dann wissen die ja gar nicht mehr, wovon sie leben sollen!“

Also streng genommen, sind nicht nur die AfD-Politiker zu bemitleiden, sondern die vernünftigeren der anderen Parteien durchaus auch.

Im Zweiten Teil muss ich unbedingt noch erklären, wie ich auf den martialischen Titel „Im Feindesland“ gekommen bin. Also:

Fortsetzung folgt …

Ein Kommentar bei „Im Feindesland: Warum ich eine AfD-Veranstaltung besucht habe (Teil 1)“

  1. dafür das sie im Feindesland waren haben sie sehr oft mitgeklatscht.
    und wen die eigenen bürger feindesland sind ist wohl in ihrem denken was falschgelaufen.

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