Warum ich mich gerade jetzt entschieden habe, in die Kommunalpolitik zu gehen.

Ich habe mir die Entscheidung, in die Kommunalpolitik zu gehen nicht leicht gemacht. Genauer gesagt, schwelt diese Entscheidung wahrscheinlich seit 25 Jahren so vor sich hin.

Politisch interessiert war ich schon immer. Als Journalist habe ich in einer Lokalredaktion in Ostbrandenburg der Kommunalpolitik auf die Finger gesehen und ihre Entscheidungen kritisch hinterfragt. Erfolgreich war meine Arbeit, wenn Dezernenten entweder die Straßenseite gewechselt haben, um mich nicht grüßen zu müssen (das passierte regelmäßig) oder sie mich über die Straße hinweg wüst beschimpften (das passierte immerhin auch zwei- oder dreimal). Als Unternehmer, Unternehmensberater und Vorsitzender eines Wirtschaftsfördervereins blickte ich mit Argusaugen auf die wirtschaftspolitischen Entscheidungen und saß regelmäßig mit Bürgermeister und Abgeordneten zusammen. Und als Künstler setze ich mich ohnehin ununterbrochen mit Politik auseinander, der größte Teil meiner Kunst ist durch und durch politisch. In all den Jahren wurde ich immer wieder gefragt, ob ich nicht eigentlich in die Politik gehen müsste.

Der Hinderungsgrund war im Wesentlichen aber immer der gleiche: ich wollte mich keiner Seite zuordnen lassen.

Warum also jetzt?

Dazu gibt es eine Geschichte, die ich auch als Unternehmensberater meinen Kunden immer wieder erzählt habe, weil sie so viel über uns alle verrät:

Ein Mann ist zu Besuch in der Jagdhütte eines Freundes. Abends sitzen sie entspannt vor dem Kamin, in der Ecke liegt der Jagdhund und schläft. Aber alle paar Minuten hebt der Hund den Kopf, jault und winselt ein wenig, lässt den Kopf wieder sinken und schläft weiter. Nach einiger Zeit fragt der Mann seinen Freund, was mit dem Hund los sei.

„Ach der“, antwortet der Mann: „Aus der Diele ragt ein Nagel, der ihm weh tut.“

„Warum steht er nicht auf und geht an einen anderen Platz?“ fragt der Besucher.

„Naja“, sagt der Jäger, „die Stelle ist seine Lieblingsstelle. Und der Nagel tut ihm zwar so weh, dass er nicht mehr bequem liegen kann, aber noch nicht genug, um sich einen anderen Platz zu suchen.“

Welcher Nagel tut mir heute also so weh, dass ich nach so langer Zeit den Entschluss gefasst habe, in die Kommunalpolitik zu gehen?

Es ist – abstrakt betrachtet – die Sorge um die Zukunft meiner Kinder. Die Generation meiner Eltern war sich noch sicher, dass es ihren Kindern (also mir) besser geht, als ihnen selbst (die noch den zweiten Weltkrieg in Hamburg und Magdeburg und die Hungerjahre danach erlebt haben). Wir wissen, dass es unseren Kindern mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechter gehen wird, als uns: das Klima und mit ihm unsere Umwelt verändern sich rasant, die sozialen Unsicherheiten nehmen zu, Kriegsgefahren wachsen, die glückliche Zeit der europäischen Verbrüderung scheint in Nationalismus zu zerfallen.

Das alles ist sehr abstrakt. Dieser Nagel hat sich über lange Zeit immer mehr aus dem Boden geschoben. Aber das offene Auftreten einer verfassungsfeindlichen Partei direkt vor meiner Haustür, einer Partei, die auf Flüchtende schießen lassen und politische Gegner in einer Kalkgrube versenken möchte, die die Kunst in den Dienst der Nation stellen will, die alle sozialen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte durch neoliberale Mechanismen ersetzen und so die Schwächsten und Ärmsten noch mehr ausbeuten möchte, und die zu guter Letzt immer noch glaubt, der Klimawandel sei eine Erfindung ominöser Machtzirkel – die plötzliche Alltagspräsenz einer solchen Partei in meiner Stadt hat mit einem Schlag den Nagel so weit durch das Holz getrieben, dass ich nun aufstehen muss.

Es ist Zeit, Farbe zu bekennen. Es ist Zeit, aktiv zu werden.

Ein Kommentar bei „Warum ich mich gerade jetzt entschieden habe, in die Kommunalpolitik zu gehen.“

  1. Lieber Steffen, bei unserem letzten Besuch in Wriezen haben wir ja schon darüber gesprochen. Es ist wichtig sich von der Besorgtheit der Nachbarn nicht irritieren zu lassen, und nicht den Platz im Zimmer wechseln, sondern uns um den Nagel kümmern

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